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junge welt
20.12.2007 / Feuilleton / Seite 12

Erst trinken, dann essen
Auch beim Weihnachtsmenü kommt es in erster Linie auf den angemessenen Wein an
Von Rainer Balcerowiak

Es gibt Menschen, die finden es irgendwie hip, sich am sogenannten Heiligen Abend Fleischabfälle in Form von Wiener Würstchen mit Salmonellensalat reinzuziehen. Am Tag danach gilt vielerorts nach wie vor die gefrorene Gans aus Polen oder Ungarn als erste Wahl. Das taugt nichts, das schmeckt nicht, das verschafft Völlegefühl und Übelkeit.

Eigentlich gibt es keinen speziellen Grund, nur an den Weihnachtstagen etwas Besonderes zu essen. Allerdings lädt die Anhäufung von freien Tagen zu kulinarischen Eskapaden ein, und dem normativen Terror der Festtagsstimmung ist ohnehin schwer zu entgehen. Also lassen auch wir es krachen!

Für das jW-Weinteam steht bei der Planung eines gediegenen Weihnachtsmahls natürlich die Auswahl der korrespondierenden Weine ganz weit vorne. Daher spricht nichts dagegen, die Frage der Speisen entsprechend unterzuordnen.

Die Rotweinsorte des Jahres ist dieses Mal zweifellos der Lemberger, der in Österreich als Blaufränkisch und in Ungarn als Kékfrankos bekannt ist. Stets kirschfruchtig, manchmal ausgesprochen tiefgründig kommen bessere Tropfen daher. Winzer, die auf Ertragsbegrenzung setzen und der Versuchung widerstanden, das vielschichtige Geschmacksbild dieser Rebsorte mit echten oder gefälschten »Barrique«-Aromen zu erschlagen oder mittels Chaptalisierung mastige Alkoholbomben zu erzeugen, haben uns einige mehr als erbauliche Lemberger präsentiert.
...
Wer es ein bißchen voluminöser, tiefgründiger, extraktreicher und filigraner mag, ist beim Exilschwaben Horst Hummel, der ein kometenhaft aufstrebendes Weingut im ungarischen Villány betreibt, bestens aufgehoben und mit 7,50 Euro ebenfalls sehr gut bedient. Sein 2005er Kékfrankos knüpft nahtlos an die großartigen Vorgänger an und bietet einen fast schon sahnigen Abgang.

Aber auch wir wollen nicht nur trinken, sondern ebenfalls essen. Ein Lemberger schreit weniger nach einer Gans als nach Wild. Ohnehin sind eßbare Freilandgänse teuer und rar, während die Beschaffung einer Rehkeule oder eines Wildschweinbratens auch wenige Tage vor Weihnachten wenig Probleme machen sollte. Letzteren, aus frischem Brandenburger Abschuß, haben wir neulich mit einer Farce aus Maronen, Steinpilzen und Wildschweinhack gefüllt, angebraten und anschließend in die Röhre geschoben. Unser leicht überdrehter russischer Koch des Tages servierte dazu handgemachte Gnocchi, aber Kartoffeln oder Klöße tun’s natürlich auch. Als Beilagen sind Rot- oder Rosenkohl erste Wahl. Zusammen mit Golters Lemberger entstand ein kulinarisches Gesamtkunstwerk, das auch an mit Wunschvorstellungen überfrachteten Eventtagen wie Weihnachten nicht nur bestehen, sondern jede Schrottgans in die Schranken verweisen kann.

Gleich einer doppelten Prüfung unterzogen wir Hummels Kékfrankos. Eine Wildente und eine Hirschkeule, letztere mit Rotkraut, kamen auf die Teller. Besonders bei der zweiten Variante hätte Golter wohl passen müssen, während der ungarische Superwein hier seine Ressourcen voll und ganz ausspielen konnte. Wer übrigens dennoch nicht auf seine Gans verzichten will, die Geldausgabe für einen angemessenen Burgunder jedoch scheut, kann bedenkenlos auf die beiden Lemberger zurückgreifen, besonders wenn das Vieh mit Maronen und Äpfeln gefüllt ist.
...

Weihnachten ist nunmehr also gerettet.

Weingut Horst Hummel, Buchholzer Straße 9, 10437 Berlin, Tel. 030/4453444

http://www.jungewelt.de/2007/12-20/021.php



TAZ 10.02.2007
Sättigungsbeilage
Rot

Till Ehrlich

2003 Villányi Cabernet Sauvignon "Erste Lese Selection", Rotwein trocken, Ungarn, Weingut Hummel, 15 Euro

Einem guten Wein zu begegnen ist alles andere als eine verlässliche Angelegenheit. Er schmeckt immer anders. Er kann sich am Morgen abweisend zeigen, am Mittag freundlich, am Abend süffig und in der Nacht berauschend, ganz zu schweigen von unseren Stimmungen und Vorlieben. Hinzu kommt das Entwicklungsstadium des Weins, ein junger hat meist starke Reize und schwankt zwischen Anziehung und Abweisung. Ein gereifter Wein kann dagegen mit einem stimmigeren Geschmacksbild präsent sein. Lebendiger Wein hat eine innere Zeit, die seine Geschichte im Geschmack in Erscheinung bringt, von der Blüte und dem Wachstum der Traube über die Gärung und Reife in Tank, Fass und Flasche bis zum Moment, wo er sich im Glas dem Genuss öffnet. Freilich gibt es auch Weine mit genormtem Geschmack, die weder reifen noch sich entwickeln - dann sollten wir von Getränken sprechen, denn als Wein sind sie tot.

Die "Erste Lese Selection" aus Südungarn ist das Beispiel für einen wirklich lebendigen Wein. Er kommt von Horst Hummel, einem Berliner Rechtsanwalt, der in Villány ein Weingut besitzt. Sein Cabernet stammt aus dem Jahrgang 2003 und wurde erst jetzt auf Flaschen gefüllt. Er durfte dreißig Monate im Fass reifen, ungewöhnlich lange. Als der Wein im Spätherbst 2003 seine Gärung beendet hatte, habe ich ihn zum ersten Mal gekostet. Da war er eigentlich noch kein Wein, vielmehr ein Verführer, dessen satte Frucht am Gaumen alle Register zog. Ein euphorisierender Trunk aus dem Jahrhundertsommer, in dessen Hitze die Trauben gewachsen waren. Den Wein hatte Hummel direkt aus dem Fass in eine Plastikwasserflasche gefüllt. Er war ganz pur und weder geschwefelt noch gefiltert worden. Dann kam der Winter, und im Februar 2004 ergab eine erneute Fassprobe ein ernüchterndes Bild. Der Wein hatte zwischenzeitlich gelitten und wirkte unruhig, die Säure war zum Vorschein gekommen und dominierte. Am Gaumen blieb ein salziges Gefühl zurück, wie Angstschweiß.

Drei Jahre später ist es ein richtiger Wein geworden. Der erste Schluck ist fast so verführerisch wie im Herbst 2003. Eine schöne Frucht ist zu spüren, und obwohl der Wein trocken ist, schmeckt sie etwas süß. Doch da ist etwas Neues, der Wein wirkt nun vielschichtig strukturiert und elegant. Man ist versucht, die Flasche in einem Zug zu leeren, doch bereits eine Stunde später zeigt er sich ganz anders. Nun spürt man eine markante Frische, die Frucht schmeckt nuancierter und weniger süß. Noch verrückter wird es am nächsten Tag. Jetzt ist es ein delikater Wein, der deutlich zeigt, dass er das Potenzial hat, noch einige Jahre reifen zu können. Am dritten Tag hat er sich noch weiter zurückgezogen. Jetzt braucht man dringend eine Speise dazu. Am vierten Tag ist leider die Flasche leer. Nächstes Jahr im Februar probiere ich ihn wieder.

Speisen: gebratenes Wild, Lamm oder Rind (ohne Tomate)

Bezug: Sonderpreis für taz-Leser: Sechserkarton für 85 Euro frei Haus, der Zwölferkarton für 165 Euro frei Haus.

Horst Hummel
Buchholzer Straße 9
10437 Berlin.
Fax (0 30) 44 73 07 60
Fon (0 30) 4 45 34 44

taz Magazin Nr. 8198 vom 10.2.2007, Seite V, 93 TAZ-Bericht Till Ehrlich



Junge Welt
Mittwoch, 29. November 2006, Nr. 277

Noch nicht trinken!

Rainer Balcerowiak

Neues vom ungarischen Weingut Hummel: Ein sagenhafter Gewürztraminer, ein fülliger Portugieser und einige rote Perspektivweine harren der angemessenen Behandlung

Beginnen wir mit einem Superlativ. Der 2005er Gewürztraminer vom Weingut Hummel ist das Beste, was wir von dieser Rebsorte in den letzten Jahren getrunken haben. Faktisch ohne Restsüße und mit einem kraftigen. aber dennoch harmonischen Säurespiel widerspricht diese pralle Fruchtbombe diametral den gängigen Faustregeln zur »Ausgewogenheit« von Süße und Säure. Hinter dem enorm hohen Extraktwert von rund 30 Gramm pro Liter verbirgt sich satte Mineralität und ein riesiger Strauß von Aromen: Rosenduft, Marzipan, Melone, Lychee, Mandel und gar ein Hauch von Kardamom, Pfeffer und auch Vanille. Wobei letzteres bei Hummel natürlich nichts mit modischen Weißweinverschandlungen mittels Barriqueausbau oder Eichenchips zu tun hat. Falls es dieser Wein auf die Podien internationaler Verkostungen schaffen sollte, können sich die Gewürztraminerplatzhirsche aus dem Alsace, aus Siidtirol und aus einigen deutschen Anbaugebieten jedenfalls warm anziehen. Dazu kommt, daß er mit sieben Euro für einen Wein dieser Güteklasse nahezu lächerlich billig ist. Wer ihn zu -gerne auch kräftig gewürzten -Fisch- oder Meeresfrüchtegerichten trinkt, wird eine neue Facette der perfekten Verbindung von Speis und Trank entdecken.
Ein derartiges Lob für seinen besten Weißwein, der noch dazu aus »Fremdtrauben« eines befreundeten Winzers in der Nähe gekltert wird, ist Horst Hummel womöglich eher peinlich. Schließlich gilt sein Hauptaugenmerk seit der Gründung seines Weinguts im ungarischen Top-Anbaugebiet Villany im Jahr 1998 kräftigen, körperreichen Rotweinen. Außer einem Bestand an sehr alten Portugieserreben basierte die Weinbereitung zunächst auf zugekauften Trauben. Im Jahr 2000 wurden fünf Hektar mit Kékfrankos (Lemberger), Cabernet Sauvignon, Merlot und Pinot Noir (Spätburgunder) bepflanzt. Die sind inzwischen im Ertrag, und so stammen alle Rotweine von Hummel nunmehr aus eigenem Lesegut. Geplant ist für die nahe Zukunft die Anpflanzung von Cabernet Franc, einer Sorte, die zwar ihren festen Platz in den meisten Bordeaux-Cuvees hat, aber ansonsten und vor allem reinsortig ausgebaut eher ein Schattendasein fristet. Hummel glaubt, daß diese Sorte in dem submediterranen Klima und auf den Lößboden von Villany ein riesiges Potential hat.
Für die Rotweine, die er zur Zeit anbietet gilt: Vergessen Sie sie! Mit Ausnahme des zwar ebenfalls lagerfähigen aber absolut trinkreifen und erstaunlich fülligen Kékoportó (Portugieser) und der Rosé-Cuvee, der aber ohnehin eher ein klassischer Sommerwein ist, haben seine aktuellen Angebote momentan nichts, aber auch gar nichts auf ihrem Eß- oder Trinktisch zu suchen. Verstecken Sie das Zeug in einer hinteren Ecke Ihres Kellers und kleben Sie sich -falls Sie bereits etwas vergeßlich sind-einen Zettel an irgendeinen prägnanten Punkt. Ende 2007, besser noch 2008 könnten Sie dann langsam mit dem Gedanken spielen, die eine oder andere Flasche zu entkorken. Was da nach Maischegärung in offenen Tanks (ohne Erhitzung) und anschließender Lagerung in Holzfässern nunmehr in Flaschen vor sich hinreift, aber leider auch schon zum Verkauf steht, ist vom Feinsten und hat ein hohes Alterungspotential: Tiefgründiger, beeriger 2004er Kékfrankos und ein feingliedriger, animalisch-nuancierter 2003er Cabernet Sauvignon. Daß diese Weine in der neuen Qualitätspyramide des ungarischen Weinrechts sozusagen im Vorbeigehen die oberste Stufe bei der regionalen Prüfung erklommen haben, versteht sich da schon fast von selbst. Strenge Ertragsbegrenzung (50 Hektoliter pro Hektar) bei hoher Bestockungsdichte (mindestens 5000 pro Hektar) sind für Hummel ohnehin ebenso selbstverständlich wie die Vergärung auf den natürlichen Hefen. Der Kékfrankos bekam übrigens in Villány die Auszeichnung als Wein des Jahres 2005.
So langsam sind die großartigen Weine von Horst Hummel kein Geheimtip mehr. Das ist dem spätberufenen Winzer, der den bürgerlichen Beruf des Rechtsanwalts erlernt hat, zu gönnen, hat aber den Nachteil, daß seine Erzeugnisse viel zu schnell ausverkauft und ausgetrunken sind. Wir hatten das Vergnügen, einige ältere Exemplare zu verkosten. So präsentiert sich sein – längst vergriffener – 2003er Kékfrankos inzwischen mit hoher Beerenkonzentration im Mund, sanften und perfekt eingebundenen Tanninen und einem langen Nachklang. Ein echtes Leckerli zu jedem Wildgericht. Beim 2002er, von dem es ohnehin nur 350 Flaschen gab, haben sich inzwischen dezente Töne von tropischen Früchten und Dörrobst herausgebildet. Hummles Einschätzung, daß der Kékfrankos in Villány optimale Bedingungen vorfindet, können wir uns jedenfalls vorbehaltlos anschließen.
Deswegen nachmals unser Appell: Gönnen Sie ihrer Weihnachtsgans oder ihrem Hirschbraten auch in diesem Jahr einen angemessen Begleiter, z.B. einen anständigen Bordeaux, einen gereiften württembergischen Lemberger oder einen nicht zu jungen Wein aus dem Alentejo, aber keinen aktuellen Hummel-Rotwein, denn der gehört in den Keller. Versüßen Sie sich die Wartezeit mit seinem Portugieser (fantastisch zu Ochsenschwanz und Entenbrust), seinem Rosé (der nächste Grillabend kommt bestimmt) und seinem Gewürztraminer. Und freuen Sie sich auf den nächsten Winter.




Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung,
29. Januar 2006, Nr. 4

REINER WEIN

Gut eingependelt
von Stuart Pigott

Die neuen Weine aus dem Osten Europas sind in deutschen Weinregalen immer noch kaum präsent, während sie in ihren Heimatländern oft regelrecht gefeiert werden. Ein besonders schönes Beispiel für dieses Phänomen ist der Rotwein aus Villány in Ungarn, dem südlichsten Weinbaugebiet des Landes nahe der kroatischen Grenze. Die Spitzenweine von József Bock, Attila Gere und Ede Tiffán sind richtig teuer und in Ungarn extrem gefragt, hierzulande dagegen kaum aufzutreiben und fast völlig unbekannt. Dieser Umstand wird noch erstaunlicher angesichts der Tatsache, daß Villány auch eine deutsche Geschichte hat. Sie begann um das Jahr 1740 mit der Ankunft der ersten deutschen Siedler und erreichte vor rund hundert Jahren ihren Höhepunkt. Damals hatte die Stadt Villány 2200 Einwohner, von denen 74 Prozent Deutsche waren. Erst 1945 wurden sie aus Ungarn deportiert, wobei es einigen deutschen Familien wie den Tiffáns auf abenteuerliche Weise gelang, doch zu bleiben.
1998 dann wurde mit der Gründung des Weinguts Hummel die Geschichte der Deutschen in Villány fortgeschrieben. Horst Hummel ist Anwalt und Pendler-Winzer mit Hauptwohnsitz in Berlin. Von dort vermarktet er die Rotweine aus den 5,3 Hektar umfassenden Weinbergen des Betriebs in Villány sowie Weißweine aus zugekauften Trauben, die ausschließlich aus dem gleichen Gebiet stammen. Um die Pflege der Weinberge sowie die Lese der Trauben und den Ausbau der Weine im Griff zu haben, fährt er häufig selbst ins knapp tausend Kilometer entfernte Villány.

Während in Villány Hummels Kollegen ihre Spitzenweine in neuen Holzfässern reifen, baut er sämtliche Rote in altem Holz aus. Das Ergebnis sind fruchtige Weine mit Charakter.

Hummel stellt dort in mehrerer Hinsicht eine Ausnahme dar, unter anderem wegen der Weinstilistik. Denn während alle seine berühmten Kollegen ihre Spitzenweine in neuen Holzfässern reifen lassen, was zu recht ausgeprägten Toast-, Rauch- und Vanillenoten führt, baut er sämtliche Rotweine in altem Holz aus. Das Ergebnis sind fruchtbetonte Weine mit viel Charakter - wie der 2004er Kékfrankos beziehungsweise Lemberger (7,50 Euro bei Hummel, Telefon 030/4453444). Eine lebendige Brombeernote und die herzhafte Art des Weines machen ihn frisch und schwungvoll.
Wesentlich tiefer und feiner ist der 2003er "J.M." (12,50 Euro, ebenfalls bei Hummel), eine Cuvée aus Cabernet Sauvignon, Merlot und Kékfrankos, die auf sehr überzeugende Weise demonstriert, was für großartige Weine in Villány auch ohne neue Eiche möglich sind. Das Schwarzkirscharoma ist strahlend, der Geschmack dicht und samtig, aber durch reif-sanfte Gerbstoffe und zarte Säurefrische nicht anstrengend schwer. Daß der Pendel-Winzer auch ein Händchen für Weißweine hat, beweist er mit dem 2004er Tramini beziehungsweise Gewürztraminer (7,00 Euro), einem ganz trockenen und für Traminer ausgesprochen zarten Wein. Der Rosenduft läßt einen an den Frühling denken - und der hält früh Einzug in Villány.





Junge Welt
30.11.2005

Nachgetrunken

Go, Hummel, go!

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge konstatiert Horst Hummel Jahr für Jahr, daß viele seiner Weine bereits wieder ausverkauft sind. Sein 1998 im ungarischen Rotweineldorado Villány gegründetes Weingut hat sich durch gute bis großartige Qualität eine stetig wachsende Fangemeinde aufgebaut. Doch gute Rotweine brauchen Zeit, um ihre Potentiale entfalten zu können. Hummel kann ihnen diese Zeit nicht geben, weil sein Betrieb »noch zu wenig Fett angesetzt an«, wie er es formuliert. Will heißen, daß er es sich noch nicht leisten kann, seine Weine einige Jahre bis zur optimalen Trinkreife zurückzuhalten.

Verdient hätten sie es allemal, wie auch seine aktuelle Kollektion zeigt. Am ehesten trinkreif präsentieren sich seine 2004er Kekoporto (Portugieser) und Kekfrancos (Lemberger). Ersterer als unkomplizierter, fruchtbetonter Kamerad für alle Gelegenheiten und letzterer mit bereits deutlich ausgebildeten Beerennoten, Mineralität und Schmelz. Die Prämierung als Wein des Jahres in Villány hat er sich jedenfalls redlich verdient.

Noch wesentlich verschlossener zeigen sich Hummels Spitzenweine. Doch obwohl man sich beim Genuß wie ein vinologischer Kinderschänder vorkommt, lassen sein Cabernet Sauvignon aus der ersten Lese einer Neuanlage, sein Merlot und seine »J.M Cuvée« bereits erahnen, was in ihnen steckt. Alle drei stammen aus dem Jahrgang 2003 und haben 18 Monate Reifung im alten Holzfaß hinter sich. Sie überzeugen trotz noch recht wilder Tannine durch Wärme, Würze und Tiefgründigkeit.

Bei seiner Cuvée beschreitet Hummel Neuland, indem er die beiden klassischen Basissorten aller Bordeauxweine, Cabernet Sauvignon (50 Prozent) und Merlot (25 Prozent) mit 25 Prozent Kekfrancos ergänzt. Für das Konzept dieses Weins findet Hummel auf seiner Website die richtigen Worte: »Warum soll man gute Solisten nicht auch im Orchester spielen lassen? Die entscheidende Frage ist die nach den Protagonisten, ihrer Rolle im Orchester und der Partitur. Wer orchestral denkt, schätzt die Vieltönigkeit, das Volumen und die Kraft des Mediums, und das gilt sowohl in der Musik als auch beim Wein (...). Der Cabernet Sauvignon liefert das Gerüst, der Kékfrancos Mineralität und Frische und der Merlot Fülle und Gehalt.«

Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Außer der Empfehlung, diese Weine schnell zu kaufen, wegzuschließen und 2007 erstmalig zu probieren, ob sie der Pubertät entwachsen sind.

Und da wäre noch was: Hummel hat erstmalig einen Traminer im Programm, und zwar einen äußerst eigenartigen. Trotz des opulenten, sortentypischen Rosenbuketts in der Nase und im Antrunk präsentiert sich dieser durchgegorene Traminer (1,3 Gramm Restzucker) mineralisch, erfrischend, schlank und herb. Nichts für die Gänsestopfleber, aber ein brillianter, charakterstarker Solist. (balc)

Bezugsquellen und Direktvertrieb:
Weingut Horst Hummel
Buchholzer Str. 9
10437 Berlin
Tel. 0 30/4 45 34 44
E-Mail: hh@weingut-hummel.com



DIE ZEIT
48/2005

In glücklicher Lage

In Villány machen deutschstämmige Winzer betörenden Rotwein
Von Michael Allmaier

Wenn Villány ein Wein wäre, dann müsste man sagen: Er ist noch verschlossen. Man kann hindurchfahren auf der Landstraße, die von Pécs in Südungarn bis hinab nach Kroatien führt, ohne auch nur zu ahnen, was an diesem Städtchen besonders ist. Ein paar alte Häuser am Straßenrand, deren bunte Türen einen Spalt offen stehen. Ein paar Wegweiser mit deutsch klingenden Namen. Aber wer im Herbst kommt, der kann es riechen. Überall hängt dieser süßsaure Gärgeruch in der Luft und mit ihm die, die er angelockt hat. Es ist nicht möglich, ein Glas Wein zu trinken, ohne dass sich Fruchtfliegen darin ertränken. Was immer man sonst über den Geschmack einer Million Fliegen sagen mag: Hier sind sie richtig. Villány ist einer der interessantesten Weinorte der Welt.
»Die Leute schlafen nicht«, sagt Horst Hummel auf der Fahrt zu seinem Gut. Er meint es im übertragenen Sinn, aber wörtlich passt es auch. Wenn die Sonne hinter dem Kirchberg versunken ist, sieht man in den Fenstern kaum Licht. Unglaublich, dass dieses Nest eine halbe Million Touristen im Jahr empfängt. Aber wenige Meter unter den eigenen Füßen wird vielleicht gerade gefeiert. Denn Schönheit und Reichtum Villánys liegen in seinen Kellern. Kein Wunder, dass mancher der 3000 Bürger dort mehr Zeit als in seinem Wohnzimmer verbringt.
Hummel ist Neubürger in der Kellerstadt, jedenfalls ein halber. Seit acht Jahren pendelt er zwischen Berlin und Villány, dort Anwalt, hier Winzer. Wahrscheinlich haben sie ihn belächelt, als er, gerade einmal 38, mit seinen Ersparnissen anrückte. Schon wieder so ein Weinschwärmer, der meint, er könne es auch. Aber sie halfen ihm, den Geschmack, den er im Kopf hatte, in die Flasche zu bekommen. Und er lernte rasend schnell. Seine fleischigen, tiefdunklen Rotweine kommen mit jedem Jahr näher an die besten der Gegend heran.
Horst Hummel bewohnt ein Anwesen, das einst für den Dorfrichter erbaut worden war. Man überließ es ihm zum Spottpreis. Der Zustand war entsprechend. »Es gab als Bad nur ein umgefallenes Plumpsklo, dafür einen Räucherofen, in den ein Ochse gepasst hätte.« Nun richtet er es langsam wieder her. Im Stall gärt es; im Büro liegen die Goldmedaillenaufkleber für den 2004er Blaufränkisch, die Hummel eigenhändig aufklebt. Er entkorkt eine Flasche vom Cabernet Sauvignon aus dem Vorjahr, frisch abgefüllt und vor einer Woche noch ungenießbar. Und jetzt? Er schwenkt und riecht und trinkt und lacht. Ja, der wird gut. »Ich bin sehr glücklich.«
Der Keller des Weinguts gibt einen Begriff davon, was Hummel low-tech high-profile nennt. An einfachen Plastikgärtanks lehnen Holzwerkzeuge, die vom Rühren in der Maische violett sind. Wo beim Einfüllen der Most überlief, klebt ein Fruchtfliegenpelz. Eine Treppe tiefer reift der Jahrgang 2004 in Fässern von fraglicher Herkunft. Das älteste datiert auf 1906, es gehörte wohl mal dem Richter. Horst Hummel grinst. Es macht ihm Spaß, den Schwärmern ein paar Illusionen zu rauben. Ein Winzer muss improvisieren können. »Nach der Wende haben hier alle so angefangen.«
Fast alle. Ede Tiffán ist der wohl einzige gelernte unter den 600 Winzern der Stadt. Er wirkt wie ein Diplomat im Ruhestand, mit all der Ausstrahlung, die ein gepflegter weißer Schnurrbart, eine leise Stimme und perfekte Manieren einem Mann verleihen. Er erinnert an die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, als man Ungarn zu den großen Weinländern zählte. »Aber zwei Generationenwechsel reichten, um das zu vergessen.« Die Kommunisten stellten auf Massenproduktion um und ließen Privatwinzern nur kleinste Parzellen. Tiffán leitete damals die Weinsektion der örtlichen LPG in dem Glauben, noch immer an der Weltspitze zu stehen - bis zur ersten Dienstreise nach Frankreich. Nach der Wende wurde er der Doyen des ungarischen Qualitätsweinbaus. Anfangs, sagt er, war es schwer, den jungen Kollegen zu erklären, warum sie so viele Trauben wegwerfen mussten, nur um den Most zu verdichten. Aber heute sind viele von ihnen international konkurrenzfähig, oder besser: Sie wären es, hätten nicht in den Jahrzehnten zuvor Stierblut und Kadarka den Ruf des ungarischen Weins ruiniert. Selbst ein Spitzenwinzer wie Tiffán exportiert wenig. Von der EU-Mitgliedschaft erwartet er für seine Branche vor allem einen Preiskrieg mit den Discountern um den eigenen Markt. Doch persönlich bedeutet sie für ihn viel. Er sagt: »Für mich als Deutschen.«
Denn eigentlich ist Villány eine deutsche Stadt namens Wieland. So sehen es jedenfalls seine deutschstämmigen Bewohner. Sie sind die Nachfahren der Donauschwaben, die im 17. Jahrhundert nach Südungarn kamen, um das vom Türkenkrieg entvölkerte Gebiet zu besiedeln. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Hälfte von ihnen vertrieben. Die Tiffáns versteckten sich über Jahre in einem Nachbardorf. Als sie zurückkamen, bewohnten andere ihren Hof. »Es war schwer für meine Eltern, mich aufs Gymnasium zu schicken. Sie sind arm gestorben.« Heute gehören ihm 20 Hektar Weingarten und ein brandneues Betriebsgebäude am Westrand der Stadt.
Das Haus nebenan erscheint noch ein wenig brandneuer. Es ist kameraüberwacht und so weitläufig, dass man kaum den Eingang findet. »Zu Herrn Gere?«, fragt der Mann mit der Schubkarre misstrauisch. »Haben Sie einen Termin?« Attila Gere ist der wohl renommierteste ungarische Winzer, ein großer Mann mit schütterem Stirnhaar, das steil absteht. Auch Gere ist Donauschwabe, früher hieß er Gerbel. Vor der Wende noch Förster, schaffte er es, das Weingärtchen seines Schwiegervaters auf 50 Hektar zu vergrößern. Deutsch zu sprechen macht ihm Mühe; er tut es trotzdem. Deutsch sein, das steht hier für Fleiß, Unternehmergeist und Antikommunismus.
Man muss von der Hauptstraße abzweigen, um die Weinstöcke zu sehen. Attila Gere lenkt den Geländewagen mit Sportsgeist über Stock und Stein, zwischendurch fröhlich »Tschuldigung, Tschuldigung!« rufend. Das Rebland von Villány besteht noch immer aus Hunderten kleiner Parzellen. Schlecht für die Winzer, die sie einzeln bewirtschaften müssen. Gut fürs Auge, denn jeder pflanzt ein wenig anders, und so bleibt die Landschaft trotz Monokultur ein Flickenteppich in Grün, Gelb und Braun. »Kopár«, sagt Gere an einem Steilhang, der sich in die Mittagssonne neigt. »Die wärmste Lage in Ungarn.« Die Kommunisten wollten hier Zitronen pflanzen, gaben es aber bald wieder auf. Gere ist ein exakter Mann. Auf dem Weg durch den Weingarten zählt er minutiös die Rebsorten auf. Die Klassiker Blaufränkisch und Portugieser. Die Franzosen Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Syrah. Die Rarität Medoc Noir. Die Exoten Barbera und Tempranillo. Und dazwischen immer wieder Merlot.
Hat der Merlot eine besondere Bedeutung? Attila Gere hält abrupt an und strahlt: »Das ist meine Lieblingssorte.« Er keltert daraus einen Wein namens Solus, der nicht nur im Preis einzigartig ist. Wer das Glück hat, eine der früh ausverkauften Flaschen zu ergattern, schmeckt alles, was ein Wein aus Villány sein kann: samtig, aber fein, mit Schokoladenfülle, Sauerkirschfrische und dem pikanten Ton leicht überreifer Pflaumen. Seit der Solus bei Blindproben Frankreichs Elite deklassiert hat, ist die Weinwelt auf Villány aufmerksam geworden.
Wir passieren ein Kellerdorf. Kellerdörfer sind das Wahrzeichen der Gegend. Sie bestehen aus Reihen kleiner Presshäuser. Hier werden von alters her die Trauben gekeltert. Aber man könnte meinen, dass ein riesiger Fuß sie selbst ein wenig in die Erde gepresst hat, weil ihre Spitzdächer auf Kopfhöhe beginnen. Die Häuserreihen sind ein paar Meter gegeneinander versetzt, damit Platz bleibt für ihre langen Kellergewölbe. Man kann sich ein Kellerdorf wie eine U-Boot-Flotte vorstellen mit den Presshäuschen als Periskope. Manche stehen unter Denkmalschutz. Dieses sichtlich nicht. »Zigeuner«, sagt Gere. Bauen die denn Wein an? Er lacht kurz auf und äußert dann seinen Standpunkt zur Arbeitsmoral der Zigeuner.
Cuvée Phoenix heißt ein anderer von Geres Weinen, bezeichnend für den Ehrgeiz, der ihn treibt. Er will diesen von der Welt vergessenen Ort wieder im alten Glanz strahlen lassen. Fragt sich nur, in welchem. Dass Villány vor hundert Jahren Rotweine von Weltrang erzeugte, bestätigt einem jeder hier. Doch wie sie damals schmeckten, und vor allem, wie sie heute schmecken sollen, darauf gibt es so viele Antworten wie Weine. Manche erinnern an Bordeaux, andere an Beaujolais, deutschen Spätburgunder oder australischen Shiraz. Die haben ihren Stil noch nicht gefunden, könnte man sagen - oder sich freuen, auf engem Raum so viel Auswahl zu haben.
Wenn die Villányer ihre besten Winzer aufzählen, kommt am Ende immer »... und Polgár«. Zoltán Polgár ist in seinem Geschäft so ziemlich der einzige, der kein Donauschwabe ist. Falls ihm die Kumpanei seiner Kollegen auf die Nerven geht, dann verbirgt er es hinter Humor. »Früher im Staatsbetrieb wurde ich mal gefragt, warum ich so viel arbeite. Ich habe einfach behauptet, ein Schwabe zu sein. Das ging als Entschuldigung durch.« Den Fleiß glaubt man ihm. Er war nicht der Erste, der seinen Keller für Besucher öffnete; das war Ede Tiffán. Und mit der Pension kam ihm Attila Gere zuvor. Aber einmal in die Spur gesetzt, sprüht er vor Ideen. Er kutschiert seine Gäste auf dem Traktor über den Weinberg. Er vermietet »Weintresore« - vergitterte Kellernischen für die Vorräte seiner Kunden. »Der Markt ist bald gesättigt«, meint er, »und dann muss man sich etwas einfallen lassen, wenn man überleben will.« Bei Rückschlägen hilft die Winzertugend Improvisation. »Wir haben in der Nähe einen Park mit ortstypischen Tieren angelegt, aber die Gäste gingen nicht hin. Heute hilft das Mangalica-Schwein uns in der Küche.«
Keller verraten etwas über Menschen: Modern und blitzblank ist er bei Gere, sakral bei Tiffán. Und bei Polgár? Ein Labyrinth. Zwei Etagen tief, 300 Meter weit gräbt er sich von der Pension aus in die Erde. Tanks, Fässer, Flaschen, diverse Verkostungsräume. Ein Lager, das zum Spa ungebaut werden soll. Eine Weinkapelle mit Kirchenfenstern, auf denen Polgárs Tochter, eine Künstlerin, vier Weinheilige verewigt hat. Mit dabei ist Sankt Martin, der in der Nähe lebte. An seinem Namenstag, dem 11. November, wird im Ort der neue Wein gesegnet; inzwischen auch gern etwas früher. Diesmal kommt Polgár den Kollegen um eine Woche zuvor. Der Pfarrer erscheint trotzdem. Zwischen einer Batterie Flaschen dankt er mit Inbrunst Gott für das gute Wetter. Dann geht es in den Keller zu Musik, Gänsebraten und viel, viel »Primör«. Vom Nachmittag bis in die Morgenstunden feiert Zoltán Polgár mit ein paar hundert Gästen. Das sei kein Problem, wird er tags darauf erzählen und ein Zertifikat zeigen, das besagt, sein Wein stärke die Gesundheit. Eine deutsche Großmutter hat er übrigens doch.
Wäre Villány ein Wein, dann könnte man sagen: Er hat ein riesiges Potenzial. Und wenn er sich öffnet, dann wird auch vielen Weintrinkern der Mund offen bleiben.

INFORMATION
Anreise: Mit dem Flugzeug nach Budapest, von dort per Zug oder Auto zirka drei Stunden südlich nach Villány. Im Frühjahr 2006 wird der günstiger gelegene Flughafen Pécs eröffnet

Winzer: A. Gere (www.gere.hu); Hummel , versendet aus Deutschland; Z. Polgár (wwww.polgarpince.hu); Ede Tiffán (Teleki Zs. u. 9, Tel. 0036-72/592000, tiffan@axelero.hu). Anmeldung nötig Übernachtung: Bei vielen Winzern möglich, sehr angenehm bei Attila Gere, DZ ab 45 Euro

Essen: Am besten bei Bock (www.bock.hu), der auch ausgezeichneten Wein herstellt

Auskunft: Ungarisches Fremdenverkehrsamt, Tel. 0900-1-864276, Weinstraßenbüro Villány-Siklós, Tel. 0036-72/492242, www.borut.hu

www.zeit.de/2005/48/Ungarn-Wein



Till Ehrlich,
500 Weine unter 10 €, Hallwag 2006, Seite 208.

Villányi Kékfrankos 2003 Weingut Hummel

Villány ist ein Nest in Südungarn. Vor hundert Jahren war es berühmt für seine Rotweine. Manche Winzer waren Hoflieferanten für das kaiserliche Wien.
Nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie begann der Niedergang. Dann, 1990 mit der politischen Wende in Ungarn, ein Neubeginn. Die neunziger Jahre brachten den Boom mit hohen Preisen, aufgeheizt durch den patriotischen ungarischen Markt. Die Weine werden dem nicht immer gerecht, immitieren internationale Weinmoden. Horst Hummel sucht einen anderen Weg, einen eigenen und langsamen. Sein Kékfrankos zeigt Spannung und echte Präsenz. Er vibriert vor mineralischer Saftigkeit; satte Frucht prallt mit markanter Säure zusammen. Eigenwillig. Geerdet. Natürlich. Zwei Stunden dakantieren. Auf der Höhe von 2008 bis 2011. 3 Gläser


Till Ehrlich,
a.a.O., S. 206

Gewürztraminer 2004 Weingut Hummel

Ein feinnerviger Gewürztraminer vom Kalkgestein. Die Mineralität des Bodens verleiht ihm Form und Struktur. Schmeckt erfrischend und herb. Ein schlanker Wein mit diskreter Aromatik. Leichtfüßig. 1 Glas



Junge Welt
17.11.2004

Rainer Balcerowiak

Verkostungsnotizen

Neues und Bewährtes aus Villány

Wenn das jW-Weinteam einen Winzer erst einmal ins Herz geschlossen hat, dann wird er uns so schnell nicht mehr los. Es sei denn - auch das ist schon vorgekommen -, die Qualität seiner Produkte läßt deutlich nach.

Davon kann bei Horst Hummel jedoch keine Rede sein. Sein 1998 in Villány im südwestlichen Ungarn gegründetes Weingut verfügt gegenwärtig über acht Hektar Rebanlagen, die aber noch nicht alle im Ertrag sind. Viele seiner Weine sind bereits ausgetrunken, auch der hervorragende 2003er Kékoportó (Portugieser) existiert nur noch in der Erinnerung begeisterter Weinfreunde. Man darf schon jetzt gespannt sein, wann Hummels Portugieser wieder einen ähnlich saftigen Kirschton und einen derartig vollen, intensiven Abgang aufweisen kann.

Doch wir wollen Ihnen den Mund nicht nur mit definitiv unerreichbaren Genüssen wäßrig machen. Unter seinen aktuellen Rotweinen ist besonders der 2002er Cabernet Sauvignon zu empfehlen, dem die 15 Monate Lagerung im alten Holzfaß zu einer ausgewogenen und konzentrierten Struktur verholfen haben. Unbelastet von den modischen Vanilletönen der meisten Cabernets kommen die sortentypischen Anklänge an schwarze Johannisbeeren und Holunder voll zur Geltung. Sein Restzucker- Säureverhältnis ist mit 0,25 zu 5,4 Gramm pro Liter zwar recht ungewöhnlich, wird durch die Extraktdichte aber gerechtfertigt. Noch sind seine Tannine etwas rauh, und so ergänzen wir diese Weinempfehlung mit der dringenden Bitte, die Flaschen noch einige Zeit - mindestens ein Jahr - liegenzulassen. Die verlangten acht Euro ist der Wein jedenfalls wert.

Unter Hummels älteren Weinen befindet sich eine ausgesprochene Kuriosität. Obwohl sein 2000er Hárslevelü (Lindenblättriger) bereits frühzeitig die normale Reife erlangt hatte, ließ Hummel ihn noch einige Wochen hängen. So entstand ein mit 115 Grad Öchsle absolut untypischer Hárslevelü mit boytritischen Noten (Edelfäule). Obwohl die Gärung bei 14 Gramm Restzucker stoppte, weist er 14,3 Prozent Alkohol auf: zuviel für die Begleitung der meisten Speisen. Mit den Jahren hat dieser bernsteinfarbene Wein aber eine wunderbare Sherrynote entwickelt, die ihn zu einem großartigen Aperitif macht. Einen derartigen Wein wird man wohl für 4,50 Euro nie wieder bekommen. Bei beiden Weinen ist übrigens Eile geboten, da sich die vorhandenen Restmengen in engen Grenzen halten.

* Weingut Horst Hummel, Vertrieb und Bezugsquellen:Tel. 0 30/ 4 45 34 44, E-Mail hh@weingut-hummel.com


Junge Welt
24.06.2004
Feuilleton
Rainer Balcerowiak

Korken ziehen!

Lemberger in Badehose

Ein Rosé mit 13 Prozent Alkohol als Terrassenwein und fruchtig-spritziger Begleiter sommerlicher Gerichte, geht das? Offensichtlich. Schließlich kann Horst Hummel nichts dafür, daß der 2003er Sommer seinem Kekfrankos (Lemberger) im ungarischen Villány soviel Power mitgab. Der spätberufene Winzer ist zwar ein bekennender Freund schwerer, fülliger Rotweine, doch auch sein 2003er Kekfrancos Rosé - erstmalig ausschließlich aus eigenem Lesegut gewonnen - ist ein außerordentlich gelungener Vertreter dieser Weinart.

Mit den meist wäßrigen deutschen Rosés, Weißherbsten und Schillerweinen hat Hummels Wein jedenfalls nichts zu tun. Begrüßt wird man beim ersten Schluck von dezenten Himbeeren, die dank der prägnanten Säure und der insgesamt trockenen Art des Weines aber nie zu dominant werden. Später gesellt sich ein Hauch Sauerkirsche hinzu, und sogar ein wenig Marzipan, aber das Gute, Ungezuckerte, ist am Gaumen zu vernehmen. Schließlich kommt dieser Rosé mit einem Gramm Restzucker aus. Stets bleibt der Wein als sortentypischer Lemberger zu erkennen, durch den Mangel an Tanninen und Gerbstoffen sozusagen als Lemberger in der Badehose.

Er sollte durchaus leicht gekühlt genossen werden. Wir probierten ihn hocherfreut sowohl pur in geselliger Runde auf dem Balkon als auch in Begleitung gegrillter Sardinen und Sardellen, was sich als ausgesprochener Glücksgriff erwies. Selten haben wir zu den üblicherweise in Meersalz und Zitrone marinierten, sehr geschmacksintensiven Kleinfischen etwas vergleichbar passendes zu uns genommen.

Schlappe 4,50 Euro ruft Hummel als Preis für diesen Rosé auf. Versand bzw. Auslieferung (nur in Berlin) erfolgt ab zwölf Flaschen, was keine Hürde sein sollte, denn der Sommer ist ja noch lang. Auch Selbstabholung ist möglich.

* Weingut Hummel, Tel.: 030/4 45 34 44, E-Mail: hh@weingut-hummel.com

Junge Welt
05.11.2003
Gerlinde Kießling

Learning by doing

Ein deutscher Rechtsanwalt hat sich vorgenommen, in Ungarn Spitzenweine zu produzieren

Wie eine Winzerstube wirkt die Wohnung von Horst Hummel nicht. Eine geräumige, modernisierte Altbauwohnung im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg mit abgezogenen Dielen und einem großflächigen Bild in einem fast leeren Zimmer sind eher Insignien urbanen Großstadtlebens als die gängige Ausstattung der Behausung von Weinbauern. Eigentlich ist der 42jährige Hummel ja auch ein "ganz normaler" Rechtsanwalt aus Süddeutschland, den es irgendwann nach Berlin verschlagen hat. Doch die Juristerei ist inzwischen nur noch ein berufliches Standbein: Hummel hat 1997 in Ungarn ein Weingut gepachtet und ist auf dem Weg, sein Hobby zum Beruf zu machen.

Daß sich Hummel als bekennender Freund schwerer, gehaltvoller Rotweine das Villány-Gebiet im Südwesten Ungarns ausgesucht hat, kommt nicht von ungefähr: Längst gilt Villány aufgrund seiner klimatischen Bedingungen und der hervorragenden Lößböden als Ungarns Antwort auf Bordeaux. Acht Hektar Rebanlagen hat er inzwischen gepachtet. Der Großteil wurde vor drei Jahren neu bepflanzt, und zwar mit den Rebsorten Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Kékfrancos (Lemberger), Kékoportó (Blauer Portugieser), Merlot und Pinot Noir.

Cabernet Sauvignon? Der sei in Villány keineswegs eine dem Weltweintrend geschuldete Modeerscheinung, versichern Kenner des ungarischen Weinbaus. Auf den Lößböden und durch den für spät reifende Sorten optimalen Vegetationsverlauf findet er, strenge Ertragsbegrenzung vorausgesetzt, optimale Bedingungen, was zwischen 1945 und 1990 leider herzlich wenig interessiert hat.

Im vergangenen Jahr gab es auf dem Weingut Hummel die ersten kleinen Erträge, doch seine Weine keltert Hummel zur Zeit noch fast ausschließlich aus zugekauftem Lesegut benachbarter Güter, das natürlich seinen Qualitätsansprüchen genügen muß. Hummels Weinphilosophie ist ebenso einfach wie bestechend: "Der Wein macht sich selbst". Stets soll er nach der Gegend und dem jeweiligen Jahrgang schmecken und auf seinem Weg vom Rebstock in die Flasche nicht manipuliert und "geschönt", sondern lediglich fürsorglich begleitet werden. Dazu gehören für Hummel strenge Ertragsbegrenzung durch Beschnitt, Verzicht auf Kunstdünger und Herbizide, Vergärung in offenen Tanks, Ausbau in alten Holzfässern, Verzicht auf Fremdhefen - also keine Spur von High-Tech.

Hummels momentane Produktion nimmt sich noch recht bescheiden aus. 15000 Flaschen wurden 2002 abgefüllt. Wenn alle Anlagen voll im Ertrag stehen, wird vermutlich 2009 die Marke von 50000 Flaschen erreicht.


Die Weine

Das jW-Weinteam hatte die Gelegenheit, einige seiner Weine zu verkosten. Beim Kékoportó (Portugieser) führt Hummel den deutschen Winzern vor, was man mit dieser Rebsorte machen kann. Statt durch reichliche Zuckerzugabe vor der Vergärung sinnlos alkoholisierter Blender oder wäßriger Rosés bietet er ein duftig-saftiges, trockenes Tröpfchen, das sich mild und unaufdringlich, aber perfekt nicht allzu schweren rotweingeeigneten Speisen anpaßt. Kein großer Wein, aber ein geschmeidiger Begleiter zu Lamm- und Wildgerichten und mit 4,50 Euro auch mehr als fair ausgepreist.

Der Kékfrancos (Lemberger) Rosé versprüht eine Juvenilität, die das eigene Alter schmerzhaft spüren läßt. Weit entfernt von den vielen mißglückten Rotweinen, die dann noch als Rosé auf den Markt geworfen werden, bringt er den produktiven Zwiespalt dieses Weinproduktionssegments auf den Punkt. Säurefrische, unreifes Obst, aber auch der Hauch von Tanninen, die ein Weißwein eben niemals aufweisen kann, prägen den Geschmack. Auch ein bißchen säuerliche Himbeere meldet sich zu Wort, ohne auf die Nerven zu gehen. Ein Durstlöscher vom Feinsten und dazu noch ein Freund der asiatischen Küche. Sicherlich jung zu trinken und mit 4,50 Euro extrem geldbeutelschonend.

Allerdings konnte uns sein Kékfrancos-Rotwein nicht recht überzeugen. Wahrscheinlich erst am Anfang seiner Entwicklung befindlich, weist der 2001er zwar schöne sortentypische Kirschnoten und eine selbstbewußte Säure auf, hatte aber in der ersten Abfüllung einen ganz leicht muffigen Ton, den das jW-Weinteam nicht so recht zu deuten wußte. Die zweite Abfüllung, die jetzt in den Handel kommt, wirkte zwar fehlerfrei, aber nicht besonders charakterstark. Zudem sind die geforderten sechs Euro im Vergleich zu den Produkten einiger qualitäts- und preisbewußter Württemberger Lembergeranbauer nicht gerade ein überzeugendes Kaufargument.

Mit seinen Topweinen aber ist Hummel ziemlich nahe am Olymp, ohne Mondpreise zu verlangen. Seine Rotweincuvée "J.M." wird stets neu aus den von ihm verarbeiteten Rotweinsorten komponiert. Im Jahr 2000 waren es zu gleichen Anteilen die beiden Cabernet-Sorten Sauvignon und Franc, die einen tiefen, ausgewogenen Wein ohne Barrique-Show und mit dennoch gut herausgearbeiteten, aber abgepufferten Tanninen und vielschichtigen Fruchtaromen kreieren halfen. Wunderbarer, nachhaltiger Abgang. Mit zehn Euro ist er nahezu lächerlich billig und sollte so manchem Grand-Cru-Winzer aus dem Bordeaux-Gebiet, der mindestens das Doppelte für vergleichsweise anspruchslosere Plörre verlangt, die Schamröte ins Gesicht treiben. Dagegen ist Hummels Cuveé ein beeriger Traum ohne Fehl und Tadel, dem man wünschen möchte, daß ihm in Kellern und Vorratskammern vieler Käufer noch ein paar Jahre zur Reifung gegönnt werden. Doch schon jetzt ist er viel mehr als eine vage Verheißung künftiger Wonnen: ein Rotwein für die großen Stunden. Diese Weine will Hummel nur in Spitzenjahrgängen produzieren. 2001 und 2002 fielen deshalb aus. Doch schon jetzt ist sicher, daß vom Jahrgang 2003 wieder eine Cuvée angeboten wird.

Da überrascht es dann kaum, daß auch Hummels reinsortiger Cabernet Sauvignon sich weit über die Scharlatanerie erhebt, die mit dieser Rebsorte zwischen Mexiko, Obermosel, Indien und Marokko veranstaltet wird. Eine weiche, dezente Holznote bringt den typischen Johannisbeerton bei Hummels 2000er zur vollen Entfaltung. Hochkonzentrierte Aromen umschmeicheln die Geschmacksnerven, ohne sie zu überfordern. Ein langer, warmer Abgang mit einer zarten Ledernote rundet das inzwischen leider ausverkaufte Vergnügen ab.

Leider sind die meisten Hummel-Weine bereits ausgetrunken und höchstens noch im Fachhandel erhältlich, hauptsächlich in Berlin. Doch die neuen Jahrgänge kommen bestimmt.

* Bezugsquellen kann man unter www.weingut-hummel.com erfahren. Probierpakete werden direkt durch Horst Hummel vertrieben, Telefon: 030/ 4453444
E-Mail: hh@weingut-hummel.com



Junge Welt
05.11.2003
Interview: Gerlinde Kießling

Der Traum vom Spitzenrotwein

Vom Weinkonsumenten zum Winzer. Horst Hummel über sein Weingut in Villány (Ungarn)

F: Wie kamen Sie auf die Idee, ein Weingut in Ungarn zu gründen?

Das bahnte sich über einen längeren Zeitraum an. Ich war zunächst einfach als Konsument an Wein interessiert. Ich habe auch viele Weinregionen bereist, in Frankreich, Italien und Australien und dort Weingüter besucht und Weine probiert. Dann kamen die politischen Umwälzungen in Osteuropa, und ich dachte mir, Ungarn ist ein altes Weinland und vielleicht könnte man da was machen. Dazu muß man wissen, daß meine Vorfahren aus der Vojvodina stammen und mein Urgroßvater dort Weinmacher war. Auch daher kommt sicherlich eine gewisse Affinität zum Weinbau und zur Region. Nach einem Besuch bei entfernten Verwandten in Ungarn 1997 habe ich mich ein bißchen umgehört, wo eigentlich der beste Rotwein in Ungarn produziert wird. Alle haben mich nach Villány geschickt. Und daraufhin bin ich im Herbst 97 zur Ernte noch mal nach Ungarn gefahren, erst zu meiner Verwandtschaft nach Paks an der Donau und von dort nach Villány. Das Gebiet hat mich auf Anhieb überzeugt, und dann ging es los.

F: Gab es in Ungarn Schwierigkeiten beim Erwerb der Weinberge und dem Aufbau des Weinguts, oder werden Investoren im Weinbau mit offenen Armen empfangen?

Dazu muß man wissen, daß Ausländer in Ungarn keine landwirtschaftlichen Nutzflächen erwerben können. Mein Weingut in Ungarn ist eine GmbH nach ungarischem Recht, eine KFT. Und diese Gesellschaft pachtet die Weingärten, über die wir verfügen. Allerdings sind das sehr lange Pachtverträge, die entsprechende Planungssicherheit gewährleisten. Es gibt, was die rechtliche Situation anbelangt, keinerlei Hindernisse für ausländische Investoren in Ungarn. Man hat dort Rechtssicherheit, die mit deutschen Verhältnissen vergleichbar ist. Und die Verwaltung ist zuverlässig.

F: Wie war die Zusammenarbeit mit den alteingesessenen Winzern?

Ich wurde von Anfang an von den dortigen Winzern unterstützt. So hat mir Attila Gere ausgeholfen, als meine Flaschenlieferung nicht ankam. Jozsef Bock war von Anfang an mit der Abfüllung behilflich. Die größte Hilfe habe ich von Gábor Szende bekommen, dem örtlichen Weinbergrichter. Das ist der Chef der Administration der Weinmacher, einer Art Selbstverwaltung, die in allen Weingemeinden besteht.

F: Ungarn gilt ja als Weinland mit großem Potential. Wo sind die spezifischen Stärken, die Alleinstellungsmerkmale des ungarischen Weinbaus abseits der internationalen Modesorten?

Ungarn ist eines der ganz wenigen Länder, wo es noch autochthone Rebsorten gibt, und zwar über 20. Das ist ein großes Erbe und ein enormes Potential. Das betrifft allerdings ausschließlich weiße Sorten. Für mich als Rotweinproduzent sind in erster Linie das Mikroklima und die Bodenverhältnisse ausschlaggebend. Und da gehört Villány zu den Regionen der Welt, die für schwere, körperreiche Rotweine absolut prädestiniert sind.

F: Nun hat ja der ungarische Weinbau wie auch der bulgarische jahrzehntelang unter mangelnder Qualitätsorientierung gelitten. Haben sich inzwischen Bemühungen durchgesetzt, bessere Qualitäten statt reiner Massenproduktion zu gewährleisten?

Was Villány betrifft, kann man das eindeutig bejahen. Die Weinmacher, die ich dort 1997 zum ersten Mal traf, haben mich auf Anhieb überzeugt. Ich habe damals Attila Gere besucht, Gábor Szende und Ede Tiffán und habe deren Weine gekostet. In Gesprächen haben diese Kollegen immer wieder betont, daß die Region nur eine Zukunft hat, wenn man auf ein eigenständiges Profil setzt und auch mittels selektiver Lese und strenger Ertragsreduktion an der Herausarbeitung des Terroircharakters arbeitet. Diese Winzer sind diesen Weg bis heute konsequent weitergegangen.

F: Unterstützt denn das ungarische Weinrecht derartige Qualitätsorientierung?

Die offiziellen Rahmenbedingungen sind viel laxer als das, was in Villány an Qualitätsanstrengungen unternommen wird. So liegt nach dem ungarischen Weingesetz die Mengenhöchstbegrenzung für einen Qualitätswein bei 100 Hektoliter pro Hektar. Dabei ist klar, daß, wenn man anspruchsvolle Weine produzieren will, eigentlich 50 Hektoliter pro Hektar das obere Limit sind. Und die qualitätsbewußten Winzer arbeiten auch so.

F: Wie groß ist Ihrer Meinung nach das Marktpotential für ungarische Weine in Deutschland?

Es ist für mich sicher, daß es ein enormes Marktpotential für ungarischen Wein in Deutschland gibt. Allerdings leiden ungarische Weine noch immer an Imageproblemen, die aus der Vergangenheit herrühren. Auch heute findet man ungarische Weine hauptsächlich als anspruchslose Massenware in den Supermärkten. Die Spitzenqualitäten sind kaum vertreten. Besonders von seiten der Weinproduzenten muß da noch sehr viel getan werden.

F: Hat es Sie nie gereizt, in Deutschland als Winzer aktiv zu werden?

Offen gestanden, nein. Weil meine Sehnsucht schon immer schweren Rotweinen galt und weiterhin gilt.




Sonntag Aktuell 17. März 2002

Der Traum vom eigenen Rotwein
Till David Ehrlich

Von einem Schwaben der auszog, in Ungarn Rotweine von Rang zu keltern. Und dabei seine Wurzeln nicht vergaß. Den Lemberger etwa.

Wein ist ein Abenteuer. Unberechenbar und voller Überraschungen. Man erlebt gute und schlechte Zeiten. Höhen und Tiefen. So ist es auch bei Horst Hummel, der ein bemerkenswertes Weingut in Südungarn besitzt. Der 42-Jährige stammt aus Reutlingen. In den achtziger Jahren war er Jurastudent in Tübingen. Der Vater eines Studienfreundes besaß einen gut bestückten Weinkeller. Dort begegnete der junge Horst Hummel unerwartet einem Wein aus Württemberg, der die Leidenschaft in ihm weckte. Es war ein Lemberger mit Trollinger aus der Lage Neippberger Steingrube. Eine trockene Spätlese. Horst Hummel kannte die heimischen Rotweine aus Trollinger und Schwarzrieslinge ziemlich gut. Leichte Weine. Hellrot und süffig. Aber dieser Lemberger mit Trollinger war anders. Kein Leichtgewicht, sondern ein schweres Kaliber. Dunkel und dicht. Voller Kraft und Tiefe. Der Wein explodierte förmlich auf der Zunge. Es war ein Erlebnis ihn zu genießen. "Ich habe den Geschmack noch im Mund", sagt er heute und lacht.
Es hatte ihn gepackt. Horst Hummel wurde Weinenthusiast. Er pilgerte nach Frankreich. "Ich bin in alle Weinkeller gestiegen, die mir in den Weg kamen" , erzählt er. Es war eine allmähliche Entwicklung, die in der Erfahrung mit Pinot Noir in Burgund gipfelte. Aber da war Horst Hummel schon Rechtsanwalt in Berlin. Sein Urgroßvater war Weinbauer gewesen, und so begab er sich 1997 auf familiäre Spurensuche. Die führte ihn in ein ehemals deutsches Dorf inder Vojvodina, 30 Kilometer östlich von Belgrad. Auf der Rückfahrt machte Horst Hummel Station in Ungarn. Plötzlich war dort ein Weingarten zu kaufen. Aus einem Traum wurde langsam Wirklichkeit. Die romantische Idee wurde zur Vision. Im Frühling 1998 gründete er sein Weingut in Villány, im Herbst holte er seine erste Ernte ein.
Villány ist ein Nest in Südungarn. Ein Dorf mit 3000 Einwohnern und 600 Winzern. Alles dreht sich um Wein. Man kann ihn förmlich auf der Straße riechen. In Villány können außergewöhnliche Rotweine wachsen. Weine, von denen Horst Hummel immer geträumt hatte. Villány hat eine uralte Weinkultur. Die Kelten bauten hier schon vor den Römern Wein an. Es herrscht ein Mikroklima, das für Rotwein besonders geeignet ist. Ein sanfter Gebirgszug schützt das kleine Weinbaugebiet vor rauhen Winden, vom nahen Mittelmeer sorgen feuchte und warme Winde für eine ausgeglichene Vegetation der Reben. Die wurzeln in lösshaltigem Kalkboden. Vor Millionen von Jahren war hier das Pannonische Meer. Der urzeitliche Muschelkalk gibt den Weinen von Villány Kraft und Struktur.
Die Gegend ist ein vergessener Landstrich. Das war nicht immer so. Vor hundert Jahren war Villány berühmt für seine Rotweine. Manche Winzer waren Hoflieferanten für das kaiserliche Wien. Aber nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie wurde es still um die Roten aus Villány. Guter Wein wurde hier freilich weiterhin gemacht. Aber erst 1990, mit der politischen Wende in Ungarn, begann die Renaissance. Ambitionierte Winzer wie Attila Gere oder Ede Tiffán wurden Qualitäts-Pioniere. Sie besannen sich auf das Potenzial des Gebietes und trieben so den Aufbruch voran.
Die Weine von Horst Hummel sind nicht nur kraftvoll, sie sind geradlinig. Ohne Schnickschnack. Hummel hat eine klare Vorstellung von seinen Weinen.Den Charakter des Weingartens und der Frucht im Wein schmeckbar zu machen, ist für den Winzer wichtig. Die hohe Dichte der Aromen erreicht er mit drastischer Verringerung der Erntemengen und aufwendiger Rebpflege. Dies geschieht im Einklang mit der Natur.
Seit dem Jahrgang1999 kann man das Ergebnis der Anstrengung schmecken. Und der 2000er ist besonders gute gelungen. Noch ist im Weingut alles in Bewegung, die Entwicklung nicht beendet. Hummel ist im Weinbau Quereinsteiger und Autodidakt. Er lernt schnell, kann Niederlagen gut einstecken. Inzwischen ist das kleine Weingut auf 8 Hektar gewachsen. Horst Hummel legt die Weinberge neu an, pflanzt hochwertigere Reben. In diesem Jahr wird erstmals eine kleines Rebstück mit internationalen Top-Sorten wie Merlot, Cabernet Sauvignon und Pinot Noir in Ertrag kommen. Trotzdem fühlt sich Horst Hummel auch den traditionellen Rebsorten von Villány wie Blauer Portugieser (Kékportó) und Lemberger (Kékfrankos) verpflichtet. Sie bringen hier ungewöhnliche Weine hervor. Besonders der Lemberger ist es, der Horst Hummel mit seiner Heimat verbindet. In Reutlingen hat er seinen ersten Lemberger getrunken, heute baut er in Ungarn selbst welchen an. "Ich glaube an diese Sorte. Man kann daraus große Weine machen", sagt Hummel.
Es gibt Szenen, die sich ein Winzer auch in düsteren Momenten nicht vorstellen mag. Schlimmer noch als eine schlechte Ernte. Eine solche Szene erlebte Horst Hummel an einem Montagmorgen im Mai 1999. Sein Weinkeller war geflutet. Mit Rotwein. Ein Fassreifen war gebrochen. Es war Hummels größtes Fass. Etwa 3000 Liter der Sorte Blauer Portugieser waren am Wochenende ausgelaufen. Langsam, aber stetig. Am Montag war das Fass dann leer. Ein Alptraum. Aber Horst Hummel sagte: "Ich mache weiter". Nur wenige Monate später, im Herbst konnte er dann herrliche Trauben vom Blauen Portugieser ernten. Dieser 1999er Kékportó Réserve war das erste tolle Ergebnis für den Winzer. "Eine ungeheure Freude", sagt er heute. Seit diesem Wein weiß er, dass sein Konzept aufgeht. Hummel hat die Leidenschaft zum Beruf gemacht. Er ist kein Narziss. In Villány baut Horst Hummel seine Zukunft auf, verwirklicht den Wein seiner Träume. Schritt für Schritt. Dabei durchlebt er Höhen und Tiefen. Auch im Weinbau liegen Leid und Glück eng beieinander. Letzteres ist unberechenbar. Es verlässt einen manchmal, aber es kommt auch zurück. Wein ist eben ein Abenteuer.

INFO:
Ein Geheimtipp ist Hummels trockener Blauer Portugieser: 2000er Villányi Kékportó. Ein saftiger Roter, der herrlich nach vollreifen schwarzen Kirschen schmeckt. 4,35 Euro im 12er Karton. Bezug: Familie Hummel, Reutlingen, Tel. 07121 / 177 97



die tageszeitung taz, 27.10.2001

"Und dann war da ein Weinberg"

Von einem der auszog, in Ungarn seinen eigenen Wein zu machen: Der frühere Rechtsanwalt Horst Hummel kaufte sich acht Hektar Weinberge und verwirklichte seinen Traum vom schweren Roten

Interview MANFRED KRIENER

taz: Herr Hummel, wie kam es, dass Sie ausgerechnet in Ungarn ein Weingut gegründet haben?

Horst Hummel: Es fing damit an, dass ich seit zwanzig Jahren leidenschaftlicher Weintrinker bin. Als gebürtiger Reutlinger habe ich natürlich Trollinger getrunken, dann bin ich öfter nach Frankreich und Italien gefahren und dort in die Weinkeller gestiegen.

Sie waren ein echter Weinenthusiast?

Genau. Und weil ich viel mit den Weinmachern geredet habe, bekam ich ein Gefühl für den Wein und seine Herstellung. Dann schwirrte plötzlich dieser Gedanke durch meinen Kopf: Wie wäre es, wenn du eines Tages deinen eigenen Wein machen würdest? Ich habe dabei an Rotwein gedacht, an einen intensiven schweren Roten. 1986 hat mein Bruder eine Ungarin geheiratet. Auf dem Hochzeitsfest habe ich meinen ersten ungarischen Rotwein getrunken - einen hervorragenden Zweigelt. Ich war mächtig beeindruckt, dass die so anständige Weine machen. Seit diesem ersten Glas habe ich an das Potenzial ungarischer Rotweine geglaubt.

Drei Jahre später kam die Wende und Ungarn war offen.

Und ich dachte, okay, vielleicht kannst du in Ungarn wirklich einen Weinberg kaufen und einen konzentrierten, schweren Rotwein machen.

Sie hatten die Struktur Ihres Weins schon im Kopf?

Alle guten Rotweine der Welt sind konzentriert und intensiv. Ich habe oft mit meiner Schwägerin über die Möglichkeit geredet, in Ungarn diesen Wein zu machen. Aber erst 1997 bin ich nach Jugoslawien gereist, wo mein Urgroßvater als Weinmacher in einem Dorf in der Vojvodina gelebt hat. Auf der Rückfahrt habe ich in Ungarn Station gemacht. Und plötzlich war dort ein Weinberg zu verkaufen. Wir haben was für dich, sagte die Verwandtschaft der Schwägerin, obwohl das mit dem eigenen Wein nur so eine vage Idee war.

Plötzlich wurde es bitterernst?

Das ging mir viel zu schnell. Ich dachte, erst mal langsam, aber angucken kannst du das ja. Also sind wir die Donau runter nach Szekszárd gefahren, dort war ein kleiner Weingarten mit Zweigeltreben, einem Presshaus und Keller zu verkaufen. Der Preis war so günstig, dass ich dachte, das ist machbar.

Also haben Sie zugeschlagen?

Nein. Ich wusste noch nicht, ob das mein Ort ist. Außerdem hatte ich null Ahnung vom Weinmachen. Ich wusste nur, wie der Wein nachher schmecken sollte. Ich wusste nicht, wie man Reben schneidet, einen Weingarten bearbeitet, was man mit den Trauben anstellt, wenn sie geerntet sind, welche Ausrüstung ich brauche.

Außer einer gewissen romantischen Vorstellung war nichts da?

Ich hatte nur eine Vision, eine Idee. Als ich dann hörte, dass da ein Mann ist, der die Reben pflegt und mir hilft, wurde alles realistischer. Ich konnte mir ausrechnen, wenn du den Weinberg kaufst, den Mann bezahlst, dazu noch die Materialkosten für Spritzmittel, Maschinen, dann gehören dir 700 Liter Wein jedes Jahr. Mit diesem Gedanken im Kopf bin ich nach Berlin zurück und habe mich mit meinem ungarischen Freund beraten. Ich habe ihn sofort gefragt, wo der beste Rotwein Ungarns wächst. Villány!, hat der gesagt. Also war klar: Ich musste nach Villány. Das Dorf hat 3.000 Einwohner und 600 Winzer. Alles dreht sich um Wein. Man kann ihn förmlich auf der Straße riechen. Es hat mir sofort gefallen, und es gab ambitionierte Weinmacher wie Attila Gere, József Bock, Ede Tiffán und Gábor Szende, die Rotweine machen, die mich beeindruckt haben. Ich habe bei Gere in der Pension übernachtet, seine Weine probiert und gespürt, was an diesem Ort möglich ist.

War damit die Entscheidung gefallen?

Noch nicht. Ich bin wieder nach Hause und habe überlegt. Es war klar, dass ich kein Hobby wollte, sondern eine neue Existenz. Ich wollte das ernsthaft betreiben.

Waren Sie bereit, Ihren Beruf als Rechtsanwalt für den Wein aufzugeben?

Ja, ich habe meine Kanzlei sowieso nur noch nebenberuflich geführt. Dann habe ich angefangen zu rechnen: Wie viel Hektar brauchst du, um davon zu leben. Mindestens zwei, besser fünf. Dann bin ich losgefahren. Ich hatte keine Ahnung, ob in Villány überhaupt Land zum Verkauf stand, aber ich hatte mich entschieden. Das war im Frühling 1998. Zu diesem Zeitpunkt war die Invasion der Österreicher, Deutschen und Franzosen, die alle in Ungarn Weinberge kauften, eigentlich schon vorbei. Die Felle waren verteilt. Aber Villány ist von den Aufkäufern verschont geblieben, weil es klein und nicht so bekannt ist. Die Großinvestoren gingen nach Tokay und zum Balaton. Dort haben sie 100 Hektar und mehr auf einen Schlag gekauft. Das bekommt man in Villány nicht.

Sie haben Ihre fünf Hektar aber gefunden?

Es sind inzwischen sogar acht. Gábor Szende, der Vorsitzende der Winzervereinigung Villány, hat mir geholfen. Ich hatte ihm von meinen Plänen erzählt. Er hat überlegt, ein paar Mal telefoniert und dann hatte ich innerhalb von zwei Stunden das erste Angebot. Ich stand völlig verunsichert in den Weingärten, konnte nicht beurteilen, ob das jetzt eine gute oder schlechte Lage ist. Ich musste aus dem Bauch raus entscheiden. Mein ganzes Wissen war angelesen, ich hatte keine Erfahrung. Natürlich sagt einem keiner, welche Lage besonders gut ist oder wo der Nebel drinsteht.

Wie lange hat das gedauert, bis Sie sich definitiv entschieden hatten?

Zehn Tage. Als ich Ende März zurück nach Berlin fuhr, besaß ich bereits sieben Hektar, davon gut sechs am Stück in einem großen Gelände. Ich stand da drin, und das kam mir wahnsinnig groß vor. Das war riesig. Ich dachte, wenn der ein Drittel verkauft, das wäre okay, aber dieser ganze riesige Weinberg. Ich habe dann woanders kleine Parzellen gekauft, musste aber immer an die sechs Hektar denken. Bis ich sie gekauft habe.

Was haben Sie dafür bezahlt?

Viel! Ich will hier nicht die Preise für ungarische Weinberge ausbreiten. Ich konnte es finanzieren.

Damit kam schon im gleichen Jahr eine gewaltige Ernte auf Sie zu?

Nein, die sechs Hektar waren noch nicht bepflanzt. Nur auf den kleineren Parzellen wuchsen schon Portugieser, Blaufränkisch und Welschriesling. Bis zur Ernte wollten die alten Besitzer die Weinberge pflegen und mir die Trauben verkaufen. Den Wein sollte ich selbst machen, es musste also was passieren. Die Qualität dieses ersten Jahrgangs konnte ich kaum beeinflussen, weil die Weinbergspflege nicht meine Sache war. Da ließen die sich nicht reinreden. Im Mai habe ich dann ein altes, zerfallenes Bauernhaus gekauft, außerdem ein Presshaus mit Keller und einem weiteren kleinen Weingarten.

Jetzt fehlte Ihnen noch die gesamte Ausrüstung: Fässer, Maschinen, sündteurer Edelstahl.

Edelstahl habe ich bis heute nicht. So viel Geld hatte ich einfach nicht. Wir arbeiten mit einfachsten Mitteln. Da ich kaum Weißwein produziere, brauche ich Edelstahl und Temperatursteuerung nicht so dringend. Einen guten modernen Weißwein kriegst du ohne Temperatursteuerung bei der Gärung nicht so leicht hin. Beim Roten ist das einfacher, da musst du nur aufpassen, dass die Maische nicht über 35 Grad hochgeht.

Dann drohte im September 1998 die erste Ernte.

8.000 Flaschen! Ich habe wahnsinnig viel gelernt dabei. Zuerst musste ich alles kaufen: Pumpen, Fässer, Traubenmühle. Aber woher kriegst du das alles? Passen die Kunststofftanks überhaupt in den Keller? Dann habe ich mir Bücher besorgt zum biochemischen Prozess. Wann wird geschwefelt, wie viel? Während der Ernte lag das Buch immer aufgeschlagen im Presshaus, und ich habe ständig nachgeguckt. Soundso viel Most, macht soundso viel Schwefel. Zum Glück hat mich Gábor Szende unterstützt, ohne ihn wäre das nichts geworden. Es gab ungeheure Probleme. Ich habe viele Krisen durchlebt, aber ich hatte den Geschmack des Weins im Mund.

Erzählen Sie von den Krisen.

Die neu gekaufte Traubenmühle lief nicht, weil sie Drei-Phasen-Strom brauchte. In meinem Presshaus gabs aber nur Zwei-Phasen-Strom. Also musste vom E-Werk Drei-Phasen-Strom ins Presshaus gelegt werden. Einen Tag vor der Ernte hatte ich keinen Strom. Du musst also jemand kennen, der beim E-Werk arbeitet. Ich kann aber kaum ein Wort Ungarisch. Es war dann so: Als der Traktor mit der Ernte um die Ecke fuhr, gingen im Presshaus gerade die Lichter an. Ohne fremde Hilfe wäre ich aufgeschmissen gewesen. Aber es hat immer wieder geklappt. Auch die Gärtanks sind erst auf den letzten Drücker geliefert worden. Und im Mai 1999 brach ein Fassreifen, und dreitausend Liter Wein versickerten im Erdreich.

Wie haben die Ungarn auf den Chaoten aus Deutschland reagiert?

Ich habe gute Erfahrungen gemacht. Die haben mich neugierig beobachtet. Natürlich war ich der Exot, der nicht gerade wie der geborene Weinbauer aussah, aber sie waren freundlich zu mir. Sie haben mir geholfen und mich nie wie einen Eindringling behandelt. Als mein Wein ausgelaufen ist, haben sie richtig mitgelitten.

Dann kam der große Tag: die erste eigene Flasche in der Hand.

Das war überhaupt nicht großartig. Eigentlich völlig normal. Und der erste Welschriesling war gewiss nichts Großes. Da wusste man nicht mal, ob überhaupt ein trinkbarer Wein rauskommt. Gut, am Ende war er doch noch ganz passabel.

Ihre Weine werden vor Ort gefüllt. Wie funktioniert die Vermarktung?

Die Weine werden in Berlin an Händler, Gastronomen und Privatkunden verteilt. Ich bin allerdings kein Vermarktungsgenie. Dass ich den Wein auch noch verkaufen muss, darüber hatte ich nie nachgedacht. Ich dachte, dass die Leute zum guten Wein kommen. Das denke ich immer noch, aber bis es so weit ist, werden zehn Jahre vergehen. Bis dahin muss der Wein zu den Leuten. In meinem Freundeskreis war anfangs natürlich beste Stimmung. Ich habe den größten Teil der Ernte hier in meiner Wohnung eingelagert. 450 Kartons mit zwölf Flaschen. Da haben sich richtig die Dielen durchgebogen. Als im Bad die ersten Fliesen geplatzt sind, habe ich Angst gekriegt. Fünf Lkws voll habe ich in meine Wohnung rein- und rausgeschleppt.

Sie hatten keinen Weinhändler?

Den fand ich beim Spazierengehen in Berlin. Wir waren am Potsdamer Platz, und ich bin einfach ins Weinhaus Huth rein und hab gefragt, ob sie keinen ungarischen Wein verkaufen wollen. Die wollten nicht, kannten aber eine Weinhandlung in Potsdam, die auf Ungarn spezialisiert war. Das waren Herr und Frau Pratschke - meine ersten Weinhändler. Inzwischen ist mir klar geworden, dass der Wein nicht auf mich gewartet hat. Es gibt so viele Weinmacher auf der Welt. Diese narzisstische Verlockung des eigenen Weins - das funktioniert nicht.

Und Ihr Traum vom großen schweren Rotwein?

Der ist noch da! Nächstes Jahr gibts den Jungfern-Ertrag aus dem neu bepflanzten Weinberg. Dort habe ich zwei Hektar Cabernet Sauvignon gepflanzt, zwei Hektar Blaufränkisch und knapp einen Hektar Merlot. Da kann ich selbst die Reben beschneiden und voll auf Qualität gehen. Der erste Jahrgang aus dem anderen Rebgarten - das waren sieben Tonnen Trauben von einem Drittel Hektar. Das war eine Sintflut, das hat gar nicht aufgehört. Als ich im nächsten Jahr diesen Weinberg selbst bearbeitet habe, fassten sich die Nachbarn an den Kopf: Willst du keinen Wein? Warum schneidest du alles weg? Ich habe knapp zwei Tonnen geerntet. Der Wein hatte in der ersten Analyse 40 Gramm Extrakt, der höchste Wert, den das Labor bei einem Blauen Portugieser jemals gemessen hat. Dieser Wein war das erste tolle Erlebnis, eine ungeheure Freude. Den mögen auch die Ungarn gern. Seitdem weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich will guten Wein zum vernünftigen Preis machen, das ist die Herausforderung.


Weinjournalist Till Ehrlich hat die Hummel-Weine verkostet. Sein Favorit: der 2000er Villány Kékoporto: "Gute Harmonie von Frucht und appetitanregender saftiger Säure und Tanninen mit schöner Fruchtsüße." Ein trockener Roter für alle Tage. 8,60 Mark, Händlerliste und Bestellungen: Fon (0 30) 4 45 34 44
taz Magazin Nr. 6584 vom 27.10.2001, Seite VIII, 342 Interview MANFRED KRIENER






Der Tagesspiegel Berlin 10.05.2002

"Terrassenweine" müssen nicht belanglos sein


Auch Rotweine können relativ leicht und doch voller Geschmack sein. Dies beweist der Berliner Rechtsanwalt Horst Hummel, ein gebürtiger Schwabe, den es auf Spurensuche in der Familie nach Ungarn verschlagen hat. Er infizierte sich als Student in Tübingen mit der Vorliebe für substanzreiche Rotweine, die nicht so dünn schmeckten wie die klassischen Württemberger, durchquerte zunächst alle französischen Anbaugebiete - doch erst, als ihm 1997 im südungarischen Weindorf Villány ein Weingarten angeboten wurde, stieg er selbst ins Geschäft ein. Im Herbst 1998 erntete der Autodidakt die ersten Trauben, und durch Ertragsreduktion und aufwändige Rebpflege gelang es ihm rasch, seinen Weinen ein ganz eigenes, gradliniges Profil zu geben und den Charakter des Weingartens und die Frucht der Traube ohne Schnörkel schmeckbar zu machen, vergleichbar vor allem den besseren österreichischen Roten.

Überraschend, dass ihm das sogar mit einer Rebsorte gelang, die nur gering geschätzt wird und in Deutschland selten mehr als fade Weinchen ergibt: der Kekoportó, auch als Blauer Portugieser bekannt. Hummels 2000er Villányi Kekoportó besticht durch betonte Schwarzkirschfrucht und erdige, aber nicht rustikale Würze, er wirkt tiefgründig, ohne schwer zu sein und reagiert überdies positiv auf leichte Kühlung, was ihn zum Terrassen-Rotwein prädestiniert. Zum ersten Barbecue die Ideallösung, zumal auch der Preis in die Saison passt: Die Flasche kostet 6,20 ? in der Weinhandlung Weinlese in der Crellestraße 43 in Schöneberg. Merke: Ungarn ist nicht nur mit Süßweinen zurück auf der önophilen Landkarte. Man versteht, dass der Anwalt Hummel längst als hauptberuflicher Winzer praktiziert. Bernd Matthies




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Heute möchte ich Ihnen den Rotwein *Villányi Kékoporto* vom 5 ha großen Weingut Hummel aus Villány in Ungarn vorstellen... Villány liegt im Südwesten Ungarns und verfügt über ein submediterranes Klima und genießt den Ruf für elegante Rotweine... Duft nach Rosen und blühendem Holunder Der erste Schluck erinnert an frisch gemahlenem Pfeffer mit einem Hauch grünem Paprika. Dann setzen sich langsam die fruchtigeren Noten durch - wie reife rote Johannisbeeren. Die Aromen des Weins sind harmonisch und saftig-füllig, ohne *schwer* zu wirken. Er weist einen angemessenen Nachhall mit einer guten Frucht-Saure-Balance auf.

Alkoholgehalt: 12,1%
Restzucker: 2,10 g/l
Säure: 5,20 g/l